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ETTA SCOLLO

Musik

12.05.2012 (20:15)

Etta Scollo
Coursenza cuorgrande

 

Eines Morgens wacht ein Herz auf. Und das Herz spürt, dass der Körper, der es bis jetzt  umhüllte, geschützt und gehalten hatte, verschwunden ist. Darauf entscheidet sich das Herz, auf die Suche zu gehen nach ihm. So fängt sie an, die seltsame Reise dieses Herzens - ohne  Körper.

 

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Zuerst kehrt es in die Vergangenheit zurück und sucht in den Mäandern der Kindheit. Es taucht die Erinnerung  an den Vater auf, der beim Rasieren von einer  launenhaften Frau sang:  La donna riccia   von Domenico Modugno. Dann findet es sich in den Sechzigen Jahren wieder.  Es ist Sommer, im Hof, von einem Balkon  herab erklingen die Töne von   Se telefonando, der neue Erfolg von Mina, so provokativ und unverschämt für damals! Unwillkürlich, auf seiner Reise in die Vergangenheit, findet das Herz  die ersten Gitarreakkorde wieder, die es einst gelernt hatte: Canzone d’amore, das sehnsüchtige Lied von Fabrizio De Andrè und Sopra i vetri, mit der Ironie der Anfänge von Enzo Jannacci. Und da ist  das Herz plötzlich: ein Mädchen, inmitten der Plätze der Siebziger Jahre, die die engagierte Musik der Liedermacher singen, die schwierige Liebe in Nina ti te ricordi  von Gualtiero Bertelli.


Das Herz sucht  weiter. Weit weg, jenseits  der Grenzen findet es  in einem rauchigen Cabaret in Wien das überraschende Lied einer Frau, die ihre gute Erziehung  über Bord wirft  und ihre Lüste ausleben  möchte: Der Nowak von Cissy Kraner. Aber das  Herz verweilt nie, nicht bis es versteht, warum sein Körper weg gegangen ist und wohin. Das Herz zieht weiter, nach Norden und begegnet den liebevollen Gefühlen wieder, die es einst gezwungen hatten, sich  Franco Battiatos La cura zu eigen „Credo“  zu machen: die Essenz des Liedes, die  Battiato mit Leidenschaft und Klarheit beschrieben hatte. Aber  das Herzohne konnte nicht ausruhen, es musste weiter. Es musste verstehen, was geschehen war und warum sein Körper es so zappeln lies, wie in Lo Scapolo von Paolo Conte. Immer weiter und weiter reist das Herzohne. Jetzt schaut es sich in der Gegenwart um, denn genau dort versteckt sich  seine Essenz: in Dinuovodinuovo, mit den mühelos tiefen Versen der jungen Dichterin Marthia Carozzo und in jenen ironischen und übertriebenen von Stefano Benni in Ti amo. Jetzt setzt sich das Herz hin, an einer Straßenecke. Es sammelt Spuren, Erinnerungen, es hütet sie. Sie klopfen im Einklang mit seinem Pulsschlag und der Asphalt gibt den Rhythmus wieder, wie Musik. Herzohne wird nun zum Lied. Es weiß: um die Ecke, da wartet schon, zwischen Vergangenheit und Zukunft, seine Körper- Essenz, neu geboren.



DAS PROJEKT

Die neue CD von Etta Scollo gleicht einer Kette seltener Perlen, die sich miteinander wie verletzliche Stimmungen um das Dekolletee einer Frau legen. Mehr noch als eine Sammlung bekannter Lieder ist sie ein Puzzle aus elf Teilen, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit perfekt zusammenfinden. Dieses Werk entsteht also aus einer Vereinigung von Gegensätzen, um gleichsam daran zu erinnern, dass uns das Leben dazu bringt, Situationen zu akzeptieren, die wir uns – jenseits aller Logik – niemals vorstellen könnten. Es ist der Instinkt, der die Stimme der Interpretin und die Intention der Künstlerin leitet, indem er die Navigation an einem ständigen Kurswechsel orientiert – ein Instinkt, der eingespannt ist zwischen Zerschellen und Heimkehr, Vergangenheit und Gegenwart. Daraus entsteht eine neue, persönliche und frische Lesart der berühmtesten Stücke, die sich mit einigen unveröffentlichten vereinen, und die damit von einer langjährigen Erfahrung auf dem Gebiet des song-writing zeugt.


Das Ruder des Projekts wurde dem Produzenten und Arrangeur Peter Hinderthür (Gründer der Gruppe Culture Pearls und Komponist der Musik zum Film über die Baader-Meinhof-Bande) anvertraut, der seit Jahren mit Etta Scollo zusammenarbeitet. CUORESENZA ist ein musikalischer Monolog über die Liebe in all ihren Facetten (von Melancholie und Introvertiertheit zu Ironie und Sonnigem) und besteht aus Stücken des italienischen Repertoires, mit Ausnahme eines vergnüglichen Wiener Liedes.


Diese in Hamburg und Berlin entstandene und gewachsene Produktion sammelt um sich herum den Enthusiasmus der fähigsten Musiker dieser beiden Städte und derselben treuen Mitarbeiter wie immer, unter ihnen auch das von Joris Barth-Bule geleitete Pop Orchestra, Ettas Bruder Sebastiano Scollo (Theorbe und Gesang) und der Multiinstrumentalist Fabio Tricomi. CUORESENZA stellt in den heutigen Tagen ein seltenes Werk in der Welt der Diskographie dar, weil es sich als Kontraposition zur allgemeinen Auffassung über cross-over entpuppt – ein Genre, von dem es nur das formale Schema verwendet. Hier huldigt man mit Respekt und Dankbarkeit dem Autorenlied, das gebührend und notwendigerweise von bisher unveröffentlichtem Material ergänzt wird, um so das Bild von den gegensätzlichen Stimmungen zu vervollständigen – wie der Faden, der eine Kette wertvoller Perlen zusammenhält.




BIOGRAFISCHE NOTIZ

Etta Scollo wird in Catania geboren, wo sie den Kunstzweig des Gymnasiums besucht. In Turin nimmt sie das Studium der Architektur auf, das sie aber abbricht, um sich ganz der Musik widmen zu können. Zwischen 1983 und 1987 lebt sie in Wien, wo sie mit Künstlern wie Eddie Lockjaw Davis, Sunnyland Slim und Champion Jack Dupree zusammenarbeitet, um schließlich erfolgreich auf dem Gebiet der Popmusik Fuß zu fassen. In den 1990er Jahren ist sie in Hamburg aktiv, wo sie ihren eigenen musikalischen Weg überdenkt und mit dem von Will Malone geleiteten „London Session Orchestra“ Blu veröffentlicht. Sie schreibt Tonspuren für Hark Bohm und Kim Ki-Duk und produziert die weiteren Alben Il bianco del tempo (Orbit Records) und Casa (Mongebel).


Für ihre Rosa Balistreri gewidmete Arbeit namens Canta Rò erhält sie in Italien den Premio Pino Veneziano 2005 und in Deutschland den Weltmusikpreis RUTH 2007. Für dasselbe Projekt bekommt sie auch den Premio Rosa Balisteri-Alberto Favara VIII 2008. Gleichzeitig veröffentlicht sie das Livealbum Les Siciliens und nimmt gemeinsam mit Franco Scaldati und Enrico Sassi am Liederabend La mia vita vorrei scriverla cantando teil – eine Hommage an Ignazio Buttitta. Heute ist sie mit ihrem musikalischen Werk auf dem Gebiet der traditionellen Musik eine der beliebtesten italienischen Künstlerinnen in Deutschland.


2008 veröffentlicht sie Il fiore splendente, eine Hommage an die arabischen Dichter, die vom 9. bis 12. Jahrhundert auf Sizilien lebten und schrieben. Bereichernd wirkte sich bei diesem Projekt die Mitarbeit von Franco Battiato und Künstlern wie Giovanni Sollima, Markus Stockhausen und Nabil Salameh aus.


2009 spielt sie die Hauptrolle der Helena in der Tragödie Faust II von Johann Wolfgang von Goethe, ausgeführt vom Philharmonischen Staatsorchester Bremen unter der Leitung von Alexander Shelley. Sie schreibt Kompositionen und bearbeitet Verdis Musik für eine zeitgenössische Inszenierung des Rigoletto an der Neuköllner Oper in Berlin.


Im November 2010 ist sie die Alice in der Oper Alice im Wunderland am Teatro Massimo in Palermo.


Am 27.05.2011 erscheint ihr neues Album „Cuoresenza“, welches Etta Scollo live auf einer Tour präsentiert.


Zurzeit lebt sie in Berlin und auf Sizilien.

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