Der Name ist (k)eine Trouvaille
Kulturschaffen hat im Toggenburg einen hohen Stellenwert. Es hat hier aber nicht nur viel Platz für traditionell volkstümliche Veranstaltungen, sondern auch für ein Kleintheater, das Künstler aus der ganzen Schweiz – ja gar aus der ganzen Welt – anzieht. Das «Chössi»-Theater in Wattwil ist in den mehr als zwanzig Jahren seit der ersten Aufführung zu einem renommierten Kulturort der Region geworden. Trotz dem heute etablierten Status ist der grosse Idealismus der Verantwortlichen geblieben.
«Der Name «Chössi»-Theater ist keine Trouvaille», schreibt ein bekannter Toggenburger im Februar 1981. Er begrüsst zwar die Initiative der gemeinten Zwecksetzung, aber mit dem Namen kann er sich gar nicht anfreunden.
Der Begriff «Chössi» hat sich durchgesetzt. Trotz dem Umstand, dass Personen ausserhalb des schweizerdeutschen Sprachraums auch heute noch hörbar Mühe bekunden, den Namen auszusprechen. Dem Erfolg des «Chössi»-Theaters tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil. Der Name ist bekannt – auch ausserhalb der deutschsprachigen Region, wenn auch viele der fremdsprachigen Künstlerinnen und Künstler gar nicht wissen, was ein «Chössi» überhaupt ist. Spätestens wenn diese das Theater betreten, wird klar, was der Name bedeutet. Die zahlreichen Kissen im Zuschauerraum deuten darauf hin.
Ein Kleintheater braucht es hier
Als Clarisse Pellizzari, Evelyn Rigotti, Franziska Peterli und Gianni Ziegler am 6. November 1980 zur ersten Sitzung zusammentreten ist das Ziel klar. Im Toggenburg muss es auch ein Kleintheater geben. In den Jahren zuvor sind in vielen Schweizer Städten Kleintheater entstanden, doch hier in der Region fehlt ein derartiger Kulturort, der sich der «anderen» Kultur widmet. Clarisse Pellizzari erzählt vom Kellertheater in Brig und schwärmt vom Programm und der Stimmung. Man ist wohl sehr angetan von der Idee, denn schon 14 Tage nach der ersten trifft man sich zur zweiten Sitzung mit weiteren Interessierten. Die Ressorts werden verteilt, ein Name gefunden und die juristische Form festgelegt. Das «Chössi»-Theater ist geboren. Bereits vor den ersten Sitzungen war klar, dass man das Theater im Ballettstudio Rigotti einrichten will. Die engagierte Tanzpädagogin Evelyn Rigotti stellt ihr neugegründetes Studio gerne zur Verfügung. Der Raum mitten im Zentrum Wattwils eignet sich hervorragend. Eine Tribüne wird später angeschafft, die Kissen werden von Theaterfreunden genäht, damit man bequem sitzen kann – Stühle hat man noch keine.
Schon am 27. November 1980 wird der Verein offiziell gegründet. Das Theater brauche es, «weil viele Toggenburger aus allen Kreisen ein solches Theater wünschen, weil wir vermehrt Anregungen für kulturelle Freizeitbeschäftigungen brauchen, weil der unmittelbare Kontakt mit dem Theater und den Darstellern ein Erlebnis bedeutet und weil durch Theaterbesuche der kritische Sinn gefördert und die Freude an der künstlerischen Darbietung gesteigert wird», schreiben die Verantwortlichen und finden eine breite Unterstützung in der Region.
Es dauert aber fast ein Jahr bis zur ersten Vorstellung. Ende Juni 1981 wird zur Lancierung und Verbreitung der Idee eine «Probewoche» – man nennt sie «Theater-Spektakel» – durchgeführt. Mehrere Gruppen – unter anderen tritt auch das Wattwiler Ensemble «Rigolo» auf – werden engagiert und sollen so für die Idee «Chössi» werben. Es klappt, und die Idee begeistert immer mehr Menschen im Toggenburg. Und was auch ganz wichtig ist: An einem dieser Abende stellt sich Ilse Pauli den Initiantinnen und Initianten vor. Pauli wird das «Chössi»-Theater in den folgenden zwanzig Jahren nachhaltig prägen.
Alle sind da – nur die Künstler nicht
Am 24. September 1981 wird zur offiziell ersten Vorstellung im eigenen Theater geladen. Die Plakate sind aufgehängt, eine Kasse organisiert, die Technik eingerichtet und die teure Tribüne mit den extra angefertigten Sitzkissen aufgestellt. Das Publikum erscheint in Scharen, sitzt geduldig auf den Kissen – und wartet. Doch Illi und Olli kommen nicht. Die beiden Künstler weilen in den Ferien, das Management hat vergessen, ihnen das Datum mitzuteilen. Kurzerhand beschliesst man, die Aufführung um einen Tag zu verschieben. Flexibilität und Spontanität sind schon damals sehr gross.
Ilse Pauli und der Vorstand in wechselnder Besetzung engagiert sich mit allen Mitteln für das «Chössi» und macht es zu einem überaus bekannten und beliebten Kulturtreffpunkt der Schweiz. Zahlreiche hochkarätige Künstlerinnen und Künstler kommen ins Tanzstudio Rigotti, und es spricht sich in der Szene schnell herum, dass man hier im Toggenburg ganz besonders verwöhnt wird und es sich nicht nur um ein Gastspiel, sondern um eine Aufnahme in eine Familie handelt. Im Hintergrund organisieren die Vorstandsmitglieder Werbung, Finanzmittel und suchen nach neuen Mitgliedern. Die Protokollordner werden dicker und das Theater immer bekannter. Witzige Episoden finden sich in den ersten Protokollen. Da wird beispielsweise ein Managertyp gesucht, der endlich «law and order» in die ausschweifenden Sitzungen bringt. Die Idee wird «vorläufig aufs Eis gelegt», und liegt da nun schon sehr lange. Das «Chössi»-Theater funktioniert trotzdem hervorragend, auch wenn die Sitzungen im Vorstand manchmal etwas länger dauern. Man diskutiert über die Möglichkeit, Personen mit wohlklingendem Namen für die Mitarbeit im Vorstand zu überzeugen, oder über Freikarten für den Herrn Gemeindammann, die dieser zurückschickt, oder freut sich am stetig wachsenden Mitgliederbestand.
Umzug und Optimierungen
Im Jahre 1985 gibt es einen weiteren Meilenstein in der «Chössi»-Geschichte. Das Ballettstudio Rigotti bewährt sich nur teilweise, denn die Gründung der Berufsschule für Tanz beansprucht mehr Platz. Ausserdem ist der Aufwand für den jeweiligen Auf- und Abbau der Technik und der Tribüne zu gross. Ilse Pauli entdeckt die leerstehende Bahnhalle beim Bahnhof Lichtensteig, und nicht nur sie ist sofort begeistert. Das Theater zieht im Sommer 1985 in den Zwischenboden oberhalb des Kistenlagers ein. Mit viel Engagement richtet man sich ein. Die Bahnhalle, ein ehemaliges Hotel mit Theatersaal wird im Jahre 1992 umgebaut. Mehrere Wohnungen werden im Haus eingerichtet, der Theatersaal neu im Erdgeschoss platziert. 120`000 Franken kostet der Umbau, der Betrag wird zu je einem Drittel von der Gemeinde Wattwil, dem Kanton St. Gallen und vom Verein und zahlreichen Sponsoren finanziert. Das «Chössi» wird mit viel persönlichem Aufwand der Vereinsmitglieder zu dem, was es heute ist: ein Kleintheater mit viel Ambiance.
Das Haus bietet heute eine optimale Infrastruktur. Das stimmungsvolle Restaurant, der Theaterraum für etwa 120 Zuschauerinnen und Zuschauer, die wohl schönste Künstlergarderobe weit und breit und der Dachstock, in dem Büro, Archiv und Lagerraum untergebracht sind, bieten eine hervorragende Möglichkeit, nicht nur Veranstaltungen durchzuführen, sondern hier auch Gruppen proben zu lassen. Wer einmal im Theater und dem Restaurant war, der ist nicht nur des Programms wegen fasziniert. Viele sind überzeugt, dass das im ursprünglichen Zustand erhaltene Restaurant das schönste Beizli der Region sei.
Nicht immer läuft alles rund
Es gab in den zwanzig Jahren nach der ersten Vorstellung auch schwierige Zeiten. Momente, in denen der Vorstand daran denkt aufzuhören, um seine wertvolle Freizeit anders zu nutzen. Doch das Erlebnis mit den Künstlerinnen und Künstlern, der Schlussapplaus nach jeder Vorstellung – der ein bisschen auch den Organisatoren gehört – und die vielen positiven Reaktionen aus der Bevölkerung sind jeweils stärker. Man rafft sich immer wieder auf und entwickelt neue Visionen. 1992 erhält das «Chössi»-Theater den mit 5000 Franken dotierten und erstmals vergebenen Astej-Förderpreis (Schweizerische Vereinigung für Jugend- und Kindertheater) für das grosse Engagement in diesem Bereich – und bekommt so offizielle Anerkennung.
Die Toggenburgerinnen und Toggenburger unterstützen das Theater rege, die offiziellen Stellen brauchen etwas länger, bis sie den Wert dieses kulturellen Kleinodes erkennen. Viele vermuten hinter dem «Chössi» wohl politisch linke oder grüne Kreise und sind in ihrer Anerkennung zurückhaltend. Die Gemeinde Wattwil beispielsweise nimmt in den ersten Jahren durch die Billettsteuern mehr ein als die fünfhundert Franken jährlich, die sie als Unterstützung dem «Chössi» zubilligt. Auch wenn sich das Theater heute etabliert hat, die Beiträge von Gemeinden, dank dem Druck des Kantons im Jahre 1991, grösser wurden und der Stand der Mitglieder auf fast vierhundert gewachsen ist – die fehlenden finanziellen Mittel beschäftigen den Vorstand bis in die heutigen Tage. Viel Enthusiasmus und Begeisterung und manch freiwilliger Zustupf des Vorstandes oder von den mehr als siebzig freiwiligen Helferinnen und Helfern, die in der Küche, im Kassahäuschen, am Technikpult oder am Buffet mitarbeiten, helfen über schwierige Zeiten hinweg. Doch um weiterhin einen ambitionierten Kulturbetrieb aufrechterhalten zu können, muss die finanzielle Sicherheit verbessert werden: eine grosse Aufgabe für die Zukunft.
Künstler aus ganz Europa
Die im «Chössi»-Theater stattgefundenen Vorstellungen sind nicht zählbar – es sind einige hundert. Gardi Hutter war ebenso hier wie Ursus & Nadeschkin, Linard Bardill, Pierre Favre, Patrik Widrig, Nikola Weisse, Peter Waters, Vera Kaa, Toni Vescoli, Alex Porter, die Sophisticrats, Pippo Pollina, Michael von der Heide, Masha Dimitri, die Theatergruppen «Mo Moll», «Tandem Tinta blu», «M.A.R.I.A» oder «Ond-drom»... Auch viele lokale Künstler, wie «Rigolo», «Die Regierung» oder der Schriftsteller Peter Weber treten auf der «Chössi»-Bühne auf. Die alten Programme lesen sich wie ein «who is who» der Kleinkunstszene. Viele Künstler haben hier ihre ersten Bühnenerfahrungen gemacht und Premieren von Stücken gefeiert, die später sehr bekannt wurden. Auch die Anzahl Zuschauerinnen und Zuschauer, die in den zwanzig Jahren auf den Kissen Platz genommen haben, ist nicht eruierbar. Allein im Jahr 2000 kommen mehr als 1300. Nochmals einhundert mehr sind es in der Jubiläumswoche, die zum 20-Jahr-Jubiläum vom 14. bis zum 23. September 2001 gefeiert wird. Der Vorstand hat die Zukunft an die Hand genommen, will den Betrieb intensivieren und so das «Chössi» noch attraktiver machen. Die Visionen sind geblieben, und es wird sich zeigen, was in den nächsten Jahren sich alles umsetzen lässt. Die Zeichen sind positiv. Derzeit findet fast wöchentlich eine Vorstellung statt. Mehr lässt der Betrieb – in dieser Organisationsstruktur – derzeit nicht zu.
Wert erkannt
Kleinkunst hat im Toggenburg einen Platz gefunden, und alle hoffen, dass dies noch lange so bleiben wird. «Das ‹Chössi›-Theater ist eine diese Nähe ermöglichenden Begegnungs- und Raumstationen, eine Plattform gegen die Plattitüden des Marktgeschreis, ein schwarzes Loch im Alltagsuniversum, das anzieht und nicht mehr loslässt. Einer der Luftschächte für Freisegler, den ich besonders liebe», schreibt der Liedermacher und Autor Linard Bardill in einer Ode an das «Chössi». «Das ‹Chössi›-Theater ist ein ganz spezieller Ort für mich, denn es bietet Künstlern den Boden an, auf dem etwas wachsen und entstehen kann», sagt der Zauberkünstler Alex Porter. Die bekannteste Schweizer Clownin Gardi Hutter bezeichnet es als Perle, die Regisseurin Martha Zürcher hat jeweils das Gefühl, nach Hause zu kommen, der Cantautore Pippo Pollina findet das «Chössi» eine der schönsten Kleinkunstbühnen der deutschen Schweiz und beschreibt die Ambiance als fantastisch, und für Claudia Rüegsegger, Leiterin des «Mo Moll»-Theaters, war es Liebe auf den ersten Blick. Das «Chössi» ist für viele Heimat geworden, auf die sie nicht mehr verzichten wollen. Nicht nur die Künstlerinnen und Künstler, auch ein treues Stammpublikum trifft sich hier und freut sich über die Aktivitäten. Auch von offizieller Seite – sei es durch die Festansprache zum Jubiläum durch die St. Galler Regierungspräsidentin Kathrin Hilber oder durch zahlreich geäusserte Gratulationen von Toggenburger Wirtschaftsvertretern oder Politikern – werden der Wert und die Bedeutung des «Chössi»-Theaters heute anerkannt.
>I>Doch eine Trouvaille
In diesen Zeiten, da viele englische Fachausdrücke und nichtssagende Namensgebungen bekannter Firmen allgegenwärtig sind, hat der Begriff «Chössi»-Theater einen besonderen Stellenwert. Der Name ist heute eine Trouvaille – und der Ort, der ist es sowieso.



